Ein bisschen Landeskunde

Kommune und Hauport statt Stadt und Dorf - was ist anders in Schweden

Die Begriffe Stadt (Stad) und Dorf (By) sind in Schweden rein umgangssprachlicher, kultureller und historische Natur. Kleinere Hauptorte werden oft als Samhälle (eigentlich Gesellschaft) bezeichnet, oft in Abgrenzung zur nächst größeren (und mitunter weit entfernten) Stadt.

Die Kommune (Kommun) ist wohl die wichtigste Verwaltungseinheit in Schweden. Sie haben eigenen Parlamente, erheben die allgemeine Lohnsteuer (darüber hinaus gibt es eine staatliche Lohnsteuer für höhere Einkommen).

Die drei größten Städte (Stockholm, Göteborg, Malmö) sind eigenen Kommunen, wobei Groß-Stockholm aus mehreren Kommunen besteht. Sie sind in dieser Hinsicht die Ausnahmen, der Absatz unten gilt nicht für sie (innerhalb dieser Ausnahmen ist Stockholm eine weitere Ausnahme... ).

Alle anderen Kommunen bestehen aus einem Hauptort (Centralort) und einer Reihe kleinerer Orte und ländlichen Gebieten. Weder die Hauptorte noch die anderen Städte und Dörfer sind eigenen Verwaltungseinheiten. Auch sind fast alle Kommunen erheblich größer als ihre Hauptorte (vor allem in der Fläche). Andererseits sind fast alle 290 Kommunen nach den Hauptorten benannt. Die Hauptorte sind aber wie alle anderen bewohnten Plätze statistische Einheiten, Tätorter („Dichtorte“ von „dichtbebauter Ort“). Sonderfall: der Tätort Stockholm ist größer als die Kommune Stockholm.

Tätort (geschlossene Ortschaft) - wichtig für jede Statistik, aber keine administrative Einheit

Dieser Begriff ist in Schweden sehr wichtig. Er ist rein statistischer (also nicht administrativer) Natur und bezeichnet Ortschaften mit mindestens 200 Einwohnern (Hauptwohnsitz) und einer Reihe Abstandsregeln (die Wohngebäude betreffend; in aller Regel nicht mehr als 200 m voneinander entfernt).

Dies führt aus deutscher Perspektive immer wieder zu Missverständnissen. Wenn beispielsweise von Sundsvall die Rede ist, ist für die meisten Nicht-Schweden nicht klar, ob die Kommune Sundsvall mit knapp 4.500 km² und beinahe 100.00 Einwohnern gemeint ist oder die Stadt (Tätort) Sundsvall mit ganzen 41 km² und 59.000 Einwohnern. Sundsvall ist also nicht auf dem Weg zur Großstadt, auch wenn die Kommune bald 100.000 Einwohner haben wird!

Kiruna wird auch immer mal wieder als eine der flächenmäßig größten Städte der Welt angeführt, was natürlich Unsinn ist, weil die Ortschaft (Tätort) Kiruna nur neun km² groß ist und damit nur einen kleinen Teil der Kommune (20.553 km²) ausmacht. Die Stadt wird ja nicht mehr als 2.000 mal so groß, nur weil sie keine eigenständige administrative Einheit ist.

Zum Beispiel Stockholm

Wie auf der Startseite angeführt führt diese Konstellation vor allem in Deutschland immer wieder zu Missinterpretationen, wenn die Kommune Stockholm (1 Million Einwohner) mit dem ,,Tätort“ (1,5 Million Einwohner) oder gar der statistischen Einheit Groß-Stockholm (identisch mit der Region, s.u., 2,5 Million Einwohner) in einem Topf geworfen wird.

Zur Illustration können man Berlin als Tätort definieren. Die großen Waldgebiete (Müggelwald, Grunewald, Tegeler Forst) würden nicht dazugehören, Teile Spandaus wären wieder „selbständig“. Dagegen würde Potsdam gleich allen direkt an Berlin grenzenden Orten begrifflich inkludiert werden. Der Tätort Berlin wäre also kleiner, hätte aber mehr Einwohner als die Kommun Berlin. Auch würde er über eine Landesgrenze gehen.

Groß-Stockholm ist von der Siedlungsstruktur mit Groß-Berlin, dass es als Einheitsgemeinde ja auch erst seit gut 100 Jahren gibt, vergleichbar. Es ist daher für direkte Vergleiche eher heranzuziehen, als die Kommune Stockholm, die im Verhältnis zu Groß-Stockholm ungefähr genauso gewichtet werden müsste wie das Berlin vor der Kommunalreform 1920 (also die alten Kernbezirken Mitte, Tiergarten, Wedding, Kreuzberg, Friedrichshain). Genau wie die Kommune Stockholm ist das „alte“ Berlin von größeren Städten, die funktional eng verbunden sind, umgeben. Dass Berlin zu einer Stadt vereinigt wurde, ist aus epidemiologischer Sicht uninteressant. Entscheidend ist die Siedlungsstruktur und die funktionale Einheit mit den umgebenden administrativen Einheiten (Metropolregion).

Der Staat (Staten) und seine 21 Provinzen (Län)

Die größte Verwaltungseinheit ist „der Staat“ (Staaten). Sie umfasst das ganze Land, also das Reich (Riket). Der Staat hat wie in Deutschland das Parlament als gesetzgebende Versammlung und die Regierung als Exekutive. Es gibt momentan 249 staatliche Verwaltungsbehörden (http://www.myndighetsregistret.scb.se/Ar; eine schwedische Besonderheit ist das Verbot des direkten Eingreifens der Minister in die Arbeit dieser Behörden).

Es gibt 21 Provinzen (Län), in denen die Länsstyrelen (Provinzverwaltungen) in der Fläche die Regierung vertreten. Sie wird vom von der Regierung ernannten Landeshauptmann (Länshövding) präsentiert und halten in der ,,Hauptstadt“ der jeweiligen Provinz, der Residenzstadt hof.

Landsting und Regionen - räumlich identisch mit den Provinzen

Die Regionen (früher Landsting). Sie sind Kommunalverbände, die kommunale Aufgaben wie die Gesundheitsfürsorge und den Nahverkehr zusammen regeln. Die Regionen haben eigene Parlamente und verfügen frei über einen extra deklarierten Teil der kommunalen Einkommenssteuer.

Der Begriff Landsting stammt noch aus der Vikingerzeit. In seiner neuzeitlichen Bedeutung galt er von 1862 bis ins 21. Jahrhundert. Seit 1999 bekamen die Landsting mehr planerische Befugnisse und wurden sukzessive in Region umgetauft. Gotland war 2019 der letzte Landsting, der den neuen Namen erhielt.

Die Regionen (Organe der Kommunen) sind räumlich identisch mit den Provinzen (Organe des Zentralstaates).

Das Selbe gilt für europäischen NUTS-3 Regionen in Schweden. Praktisch!

Landskap - die historischen Landschaften

Neben den Provinzen gibt es 25 Landschaften (Landskap). Sie waren in gewissem Sinne die Vorgänger der Provinzen. Einige haben ihre Wurzeln in den mittelalterlichen Kleinkönigreichen. Bis 1884 waren es noch Grafschaften und Herzogtümer. Einige Mitglieder des Königshauses werden weiterhin als Herzöge gewisser Landschaften tituliert.

Seit 1634 sind sie ohne administrative Bedeutung, da in diesem Jahr mit der Regierungsreform die Län (Provinzen) als Organe der (königlichen) Zentralmacht eingeführt wurden.

Sie haben heute noch eine stark identitätsstiftende Bedeutung. Kein Wetterbericht und keine Tourismusbroschüre kommt ohne sie aus, und abgesehen von Schweden in den großstädtischen Regionen definieren sich die meisten Menschen eher über ihre Landschaftszugehörigkeit als über ihre Ursprungsprovinz.

Räumlich und namentlich gibt es nur bei den ehemals dänischen Provinzen samt Gotland große Übereinstimmungen mit den 21 Provinzen. Vgl. auch https://www.schweden-fakten.de/landskap-och-laen.html

Andere Einteilungen; Sonderling Gotland

Außerdem gibt es noch weitere Regionen, für die Statistiken erhoben werden, die aber in der C-Problematik nicht relevant sind (FA-region, LA-region, kirchliche Gemeinden und Regionen). Mitunter werden auch für die historischen Landschaften Daten erhoben.

Ein Kuriosum in diesem Zusammenhang ist Gotland, das aufgrund seiner geographischen Besonderheit sowohl eine Kommune als auch eine Region sowie eine Provinz ist (zudem auch eine eigene Landschaft) und sogar kirchenrechtlich eine eigene Einheit darstellt (Visby stift).

 

Verantwortliche Behörden

In Schweden sind neben den Kommunen mehrere staatliche Behörden für Fragen der Corona-Problematik verantwortlich.

Die staatliche Volksgesundheitsbehörde FOHM

Folkhälsomyndigheten, hat die Verantwortung für alle die gesamte Bevölkerung betreffenden Gesundheitsfragen. Dazu gehören beispielsweise Aufklärung und Forschung zu den Themen psychische Gesundheit, legale und illegale Drogen, Impfungen, aber auch praktische Labortätigkeit.

Die Behörde wird durch ihren Generaldirektor geführt. Dessen Arbeit darf nicht - genau wie bei allen staatlichen Behörden in Schweden - durch Mitglieder der Regierung gelenkt werden, will sagen, es besteht keine Weisungsbefugnis seitens der Fachminister oder des Staatsministers (Regierungschefs).

Selbstverständlich ist die FOHM rein steuerfinanziert. Wie jede andere schwedische Behörde darf sie keine anderen Zuwendungen, schon gar nicht von ausländischen „Mäzenen“, annehmen.

Staatsepidemiologe Anders Tegnell

Schweden leistet sich in der Tat innerhalb der FOHM einen Staatsepidemiologen. Anders Tegnell ist promovierter Facharzt für Infektionskrankheiten. Nach seiner Promotion in Medizin erlangte er - und das ist hier eigentlich die Kernkompetenz - am der London School einen Master in Epidemiologie. Diese sozial-medizinische Ausbildung beschäftigt sich primär mit der Ausbreitung nicht-endemischer Krankheiten in der Gesellschaft (also auf Bevölkerungsniveau). Im Gegensatz zur klinischen Infektiologie und Epidemiologie, welche sich eher mit Problemen der Diagnostik und Therapie beschäftigen (primär auf Individualniveau). Wie auch immer, als kombinierter Mediziner und Gesundheitswissenschaftler ist er natürlich ideal und damit um Klassen besser aufgestellt, als reine Labormediziner, Tierärzte, Gesundheitsökonomen, Bankkaufleute, Mathematiker oder Physiker.

Und natürlich hat er keine anderen Aufträge „nebenbei“ (wie auch, das ist ein Vollzeitjob), und auch keine „alten Freunde“, die Geld mit diversen Testmethoden verdienen...

Die staatliche Sozialaufsicht Socialstyrelsen

Socialstyelsen beschäftigt sich mit allen Fragen in den Bereichen Gesundheitsversorgung (inklusive Zahnmedizin) und Sozialarbeit. Sie erarbeitet die Richtlinien für die medizinische Arbeit und der kommunalen Sozialarbeit und erteilt die für die nach dem Studium notwendigen Zulassungen (legitimation) für verschiedene sozial-medizinische Berufe.

In der Corona-Problematik ist diese Behörde u.a. für das Zusammenstellen des statistischen Materials verantwortlich.

MSB - Behörde für Zivilschutz

Myndigheten för samhällsskydd och beredskap - Behörde für Gesellschaftsschutz und Bereitschaft - ist primär für die Rahmenbedingungen der Einsätze zum Schutz der Zivilbevölkerung in Krisensituationen verantwortlich. Das betrifft u.a. die Arbeit der Feuerwehr, die Erarbeitung von Einsatzszenarien in Katastrophenfällen inklusive das Organisieren von Schutzräumen für die Zivilbevölkerung, die Kommunikationssicherheit ziviler Behörden.

Sie erstellt aber auch die Regeln des Themenbereiches Gefahrengutstransport.

In der C-Krise verschickt sie u.a. Warn-SMS:s an die Bevölkerung und ist an der Evaluierung der nationalen Lage beteiligt.

Die Kommunen als lokale Gesundheitsbehörden

Gesundheitsämter nach deutschem Modell gibt es in Schweden nicht. Vor Ort sind die Kommunen für die Arbeit mit gesundheitlichen Fragen verantwortlich. Diese Aufgabengebiete werden innerhalb der kommunalen Verwaltung bzw. innerhalb der Region (früher Landsting) (s.o.) abgearbeitet.

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